Weidigschule Butzbach

Kunst-Projekt "Galerie 511"


 

 


Zeitungsberichte zur Ausstellung:

 

Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Galerie 511 zeigt Werke von Klaus Steinke

Am Dienstag um 19.00 Uhr Vernissage in der Weidigschule

 

BUTZBACH (pe). Die Galerie-AG der Weidigschule Butzbach, welche kunstinteressierten Schülern eine Möglichkeit zu über den Unterricht hinausgehender Information und kritischer Diskussion bietet, hat über die vergangenen Monate mit viel Motivation und Freude an der Vorbereitung der Ausstellung mit dem Gießener Künstler Klaus Steinke gearbeitet. In der Ausstellung werden Ausschnitte aus zwei Werkgruppen des Künstlers zu sehen sein: Überschreibungen und Wortbilder. Zur Eröffnung am Dienstag, 9. November, um 19.00 Uhr wird sich der Künstler den Fragen der neugierigen Besucher stellen. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen.

Klaus Steinke, 1936 in Stettin geboren, 1945 Flucht nach Lüneburg, nach dem Abitur Kunst- und Philosophiestudium in Hamburg, beschäftigt sich seit Mitte der 80er Jahre verstärkt in seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in und nach dem Zweiten Weltkrieg. In seiner Werkreihe "Uberschreibungen" lässt er grausame Vergangenheit lind Höhepunkte der deutschen Literatur miteinander verschmelzen und gibt ihnen eine bildnerische Form. Es sind ihm in seiner Jugend wichtig gewordene Dichtungen wie zum Beispiel der „Simplicissimus" oder auch von Karl May, die er über die einzelnen Tagesberichte des „Auschwitz-Kalendariums" schreibt. Die Galerie 511 stellt den gesamten „Taugenichts" von J. von Eichendorff aus.

Auch die ebenfalls ausgestellte Werkgruppe „Wortbilder" zeigt, wie intellektuell tiefgründig sich der Künstler der Schrift und Sprache bedient. Die Doppelwörter der „Wortbilder" erscheinen auf Farbquadraten und stammen aus verschiedenen Zusammenhängen. Man kann sie als Gelegenheit nutzen, individuelle Bilder zu kreieren oder über ihre Bedeutung und ihren Sinn nachzudenken. Diese Wortbilder sind eine für Steinke spezifische Art, seine Erinnerungen zu gestalten und bilden eine „Wortbrücke" zu den Erinnerungen des Betrachters.

Öffnungszeiten: 9. - 28.11.2004, donnerstags 18.00 - 20.00 Uhr, sonntags 15.00 - 18.00 Uhr, vormittags während der Unterrichtspausen und nach telefonischer Vereinbarung, Tel. 06033/91170, Weidigschule Butzbach, Im Vogelsang 8, 35510 Butzbach.

(c) by Butzbacher Zeitung, 06.11.2004


 Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

In der Galerie 511 derWeidigschule ...

.. in Butzbach wird heute um 19 Uhr eine Ausstellung des Gießener Künstlers Klaus Steinke eröffnet. Vorbereitet wurde die Ausstellung von der Galerie-AG der Weidigschule.

(c) by Butzbacher Zeitung, 09.11.2004


Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Kunstausstellung mit hohem Anspruch

Klaus Steinke in der Galerie 511 in der Weidigschule

BUTZBACH. Betritt der Besucher die neue Kunstausstellung im Weidig-Gymnasium, so sieht er Wörter, auf verschiedenfarbige quadratische Tafeln gedruckt und in großer Anzahl zu einer Riesentafel angeordnet, außerdem 42 Blätter mit verschiedener Schrift, die eine über die andere gelegt. Die Wörter kann er natürlich lesen, die Überschreibungen kaum. Zwangsläufig ist er ratlos. Ohne jede Zusatzinformation bleibt ihm nur, über die Wörter zu grübeln, ihre Bedeutung, womöglich mehrere Bedeutungen, ob sie in seinem Leben eine bestimmte Rolle gespielt haben. Bei den Überschreibungen hilft ihm allenfalls der am unteren Bildrand gedruckte Hinweis, dass es sich bei dem überschriebenen Text um das Auschwitz-Kalendarium, herausgegeben von Danuta Czech, handelt, und eine Notiz, wonach der überschreibende Text Eichendorffs „Taugenichts" ist. Sehr weit werden ihn diese Feststellungen nicht führen. Aufklärende Informationen auf Schrifttafeln würden weiterhelfen.


BUTZBACH. In der Galerie 511 der Weidigschule wurde am Dienstagabend eine Kunstausstellung des Gießener Künstlers Klaus Steinke eröffnet.- Die Bilder zeigen oben den Känstler; unten eines seiner Exponate und die von Hubert Soltau betreute Galerie-AG.
Fotos: H.J.Müller

Bei der Vernissage am Dienstag, 9. November (nomen est omen!), äußerten sich der 1936 in Stettin geborene Klaus Steinke, Schöpfer dieser Objekte, und die Teilnehmer an der Galerie-AG, fünf Mädchen, darunter ein großes, und ein Junge, die wohl an den übrigen Tagen, zusammen mit ihrem Betreuer Hubert Soltau, zur Verfügung stehen werden. Im abendlichen Gespräch wurde schnell klar, dass es sich nicht um auch im guten Sinne konsumierbare Kunst handelt, sondern um eine individuelle Form der Conceptart, der Konzeptkunst, einer Kunstrichtung, bei der, losgelöst von dem materiellen Kunstwerk, die Idee als rein geistige Konzeption im Mittelpunkt steht. Dokumentiert wird nur noch durch schriftliche Aufzeichnungen, Fotos, Diagramme. Das eigentlich Gemeinte wird erst durch assoziative Prozesse in der Vorstellung des Betrachters existent. Der Künstler selbst tritt weitgehend zurück.

Ob das erdachte Werk vom Besucher auch realisiert wird, bleibt offen. Soviel deutete sich schließlich an: Die „Deutsche Wörter" genannte Werkgruppe enthält Wörter aus dichterischen Texten, u.a. von Handke. Warum vom Künstler gerade diese Wörter ausgewählt wurden, hängt mit seiner ganz persönlichen Biographie zusammen und wohl auch mit den durch jüngste deutsche Ereignisse, vor allem aus der Nazizeit, den Wörtern beigegebene neue Sinngehalte. Beim Künstler haben diese Wörter Erinnerungen an seine Kindheit aufleben lassen. Dieses Manifestwerden von Erinnerungen der Assoziationen ist das gemeinte Kunstwerk. Jeder Besucher assoziiert natürlich anders, er muss sich sein eigenes Kunstwerk erdenken. Bei einem Wort wie „Stacheldraht" werden die Assoziationen aller wahrscheinlich ähnlich sein, bei „Giftspritze" auch, nicht aber bei „Kugellager" oder "Filmbild".

Die etwas sonderbare, uns aber irgendwoher vertraute Schrift ist eine Kistenschrift, die mit Hilfe von Schablonen z.B.auf Holzkisten gespritzt wird. Für Klaus Steinke war diese Schrift ein Stück Kindheitserinnerung. Er hatte sie im Krieg auf Munitionskisten gesehen. Bei der Farbgebung der Tafelfläche war die Zwitterfarbe Grau der Ausgangspunkt, gedanklich also ein trister Beleg, und die anderen Farben sind vom Grau beeinflusst. Die Anordnung der gezeigten Tafeln ist nach Auskunft der Schüler eher zufälliger Art.

Die 42 Überschreibungen der „Taugenichts"-Werkgruppe sind im Zusammenhang mit ähnlichen Versuchen durch Übermalen, bis hin zur Auslösung des Übermalten (z.B. bei Rainer) zu sehen. Wenn die Dresdner Künstlerin Gerda Lepke Texte und Abbildungen mit ihren bevorzugten Figurationen übermalt, besteht die Spannung, der Reiz darin, Reste des Übermalten mit der Übermalung in Beziehung zu setzen. Arnulf Rainer bezeichnete seine Übermalungen einmal als „Abtötungsübungen", er verletzt seine Vorlagen, Fotos, Gemälde, Grafiken, durch Übermalen, Überzeichnen, Zerschürfen und Zerkratzen.

Klaus Steinke sagt, er schreibe jetzt, 50 Jahre später, die für seine Kindheit und Jugend sichtigen Lesebegegnungen auf: Grimmelshausen, Karl May, Chamisso, und auch Eichendorffs „Taugenichts". Warum gerade den? Er sieht in ihm ein Vorbild, einen, der ausbricht aus den vorgegebenen Bahnen, der sich selbst findet, einen hoffnungsvollen Weg geht. Dieses Aufschreiben wäre eine reine, eigentlich überflüssige Kopierarbeit, benutzte er weißes Papier. Er aber wählt die fotografierten Texte aus  dem „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945". Damit wird das Überschreiben mit dichterischen Texten zu einem Politikum, macht den Bruch der westlichen Zivilisation deutlich. Hier ein älterer dichterischer deutscher Text, darunter die Dokumentation deutscher Verbrechen 1933 -1945. Er legt einen Wörterteppich über das Auschwitz-Kalendarium; deckt es zu, erinnert aber gleichzeitig daran. Kann Kunst vergangene Verbrechen vergessen machen? Natürlich nicht. Aber dass der Text über Verbrechen zugedeckt wird, ein zwar älterer, aber humanistischer Text triumphiert, zeigt doch eine Art Ausweg, erschüttert einerseits, gibt dann aber auch Hoffnung. Lesbar sind auf den ausgestellten Tafeln die Texte kaum noch. Man könnte (sollte?) assoziieren: Das Schlimme ist durch Zudecken stimatisiert, aber es wirkt dennoch fort, denn der Text des Bösen beeinträchtigt auch den guten Text. Und genau das ist unsere heutige Befindlichkeit. Mehr und mehr wir die Nazivergangenheit erforscht und aufgearbeitet (inzwischen auch die Verbrechen des Kommunismus), macht uns immer von neuem bestürzt, aber seit Jahrzehnten gehen wir erfolgreich den Weg zurück in die Völkergemeinschaft. Was wir hier an den Wänden sehen, sind Bausteine eines Prozesses des Erinnerns, ohne den eine gedeihliche Zukunft nicht gestaltet werden kann. Die sehr anspruchsvolle Ausstellung im Weidig-Gymnasium läuft bis zum 28. November 2004 und ist donnerstags von 18.00 bis 20.00 Uhr, sonntags von 15.00 bis 18.00 Uhr und vormittags während der Unterrichtspausen geöffnet.   Hans-Joachim Müller

(c) by Butzbacher Zeitung, 08.11.2004


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