Weidigschule Butzbach

Kunst-Projekt "Galerie 511"


 

 

 


 Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Annegret Soltau in der Galerie 511

BUTZBACH. Die bedeutende zeitgenössische Künstlerin Annegret Soltau wird ab Dienstag, 20. Mai, ihre Werke in der Weidigschule ausstellen. Für ihre Collagen verwendet sie Porträts von sich und ihrer Familie. Diese fotografischen Vorlagen werden zerrissen, teilweise miteinander kombiniert und mit schwarzen Fäden grob vernäht. Die mitunter auch erschreckenden Bilder haben Themen wie Schönheitsvorstellungen, Pubertät und Schmerz. Diese ganz eigene Art von Kunst hat Annegret Soltau bekannt gemacht. Der Galerie 511 der Weidigschule ist es gelungen, einen kleinen Teil ihrer Arbeiten zu präsentieren; schon diese Auswahl ist beeindruckend. Zur Vernissage am Dienstag um 19.00 Uhr lädt die Galerie 511 herzlich ein. Wie bereits bei den vergangenen Eröffnungen stellt sich die Künstlerin in einer Diskussion den Fragen der Besucher. Öffnungszeiten: vormittags während der Unterrichtspausen, sonntags 15.00 - 18.00 Uhr und nach Vereinbarung. Adresse: Galerie 511 Weidigschule Im Vogelsang 8, Butzbach, Tel. 06033/91170, E-Mail: galerie511@web.de

(c) Butzbacher Zeitung, 19.05.2008


Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Die Verletzbarkeit des Menschen

Annegret Soltau stellt in der Galerie 511 des Weidiggymnasiums aus


BUTZBACH, Kunstlehrerin Gudrun Salz, Annegret Soltau und Schulleiter Reiner Laasch.

BUTZBACH. Hubert Soltau (zufällige Namensgleichheit) war es noch kurz vor seiner Pensionierung gelungen, Kontakte zu der Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau herzustellen, die nun Früchte getragen haben. Dabei konnte er auf über dreißig Jahre alte Erfahrungen der damaligen Arbeitsgemeinschaft Literatur und Kunst zurückgreifen. Darüber ist in den „Butzbacher Künstler-Interviews 3 berichtet worden.

Neben  vielen anderen Ausstellungen ist Annegret Soltaus Werk aus Anlaß der Verleihung des Wilhelm-Loth-Preises der Stadt Darmstadt auf der Mathildenhöhe umfassend ausgestellt worden. Aus ihren früheren „Verstrickungen“ sind übergroße Fotos, Ganzkörperaufnahmen von sich und ihrer Familie geworden, nun gekennzeichnet durch Vernähungen.

Knapp zwanzig Bilder aus ihrem riesigen Fundus sind  jetzt hier in Butzbach zu sehen. Vorangegangen sind viele Kontakte der Schülerinnen und Schüler unter der neuen Leitung von Gudrun Salz mit der Künstlerin und Auseinandersetzungen mit ihrem Werk. Es ist erfreulich, dass die Schulleitung, wie immer bei der Vernissage durch Schulleiter Laasch vertreten, diese Arbeitsgemeinschaft unterstützt, und es ist ebenso lobenswert, dass bisher alle Begegnungen mit den Werken eines Künstlers für Schüler wie für ganz Butzbach beachtenswerte Ereignisse waren. So auch diesmal. Wiederum war es nicht einfach, sich dem Werk der Künstlerin zu nähern, das viel Bedrohliches reflektiert. Auf Fragen nach den künstlich zugefügten Verletzungen der Menschen auf ihren Bildern wies sie darauf hin, dass unser aller Leben in vielfacher Weise am seidenen Faden hänge, und diese Verletzungen eine Art Spiegelbild der persönlichen und mehr noch der gesellschaftlichen Umstände seien. Ihre Bilder –das kam im abendlichen Gespräch deutlich zum Ausdruck- berühren, erschrecken, ja schockieren uns. Dabei sei sie keineswegs aufs Schockierende aus, etwa als künstlerisches Markenzeichen. Sie zeichne, male, fotografiere und verändere durch Reißen, Austausch und Vernähen nur, was sie selbst erlebe, wahrnehme oder fühle. Ihre wenigen  Bilder mit direktem politischen Hintergrund seien aus zufälliger Duplizität zweier Ereignisse entstanden:  den dramatischen Ereignissen im Kosovo und 9/11 (sie ließ damals in N.Y. Automatenfotos von sich machen, wobei sie ihr Gesicht verzerrte) sowie einer aufwendigen Kieferoperation. Der Arzt hat ihr durch die chirurgischen Eingriffe  deformiertes Gesicht auf ihre Bitte hin fotografieren lassen: gebleckte Zähne, aufgerissener Rachen. Einige der sog. NY Faces sind ausgestellt.


BUTZBACH. Annegret Soltau vor einem ihrer Transgenerativ-Bilder.

Waren es früher Gesichter und Körper, mit Fäden eingeschnürt und dadurch verformt, so sind es jetzt (in Darmstadt überlebensgroße) Vernähungen. Die Ausstellung hieß: „ich selbst“. „Ich nehme mich selbst zum Modell, weil ich mit mir am weitesten gehen kann“ (A.S.). Entsprechend bilden auf den auch hier ausgestellten Fotos Porträt-bzw.Ganzkörperaufnahmen von sich selbst, aber auch von ihren Kindern, in den Transgenerastiv-Arbeiten von ihrem Mann und der Großmutter, die Grundlage. Die Künstlerin reißt das Innere der Aufnahmen in Stücken heraus. Der Umriß der Person wird sozusagen entkernt und bleibt als Silhouette zurück. Danach setzt sie die Teilstücke des Körpers neu zusammen und vernäht diese miteinander.  Der Betrachter steht  -verwirrt-  vor nichtstimmigen Körpern, einem Mann mit Frauenbrüsten, einer Frau mit einer Männerbrust. Die in Darmstadt frei im Raum schwebenden Figurenensembles zeigen auf der Rückseite ein Gespinst aus schwarzen Fäden. Diese Fadenstiche entlang den gerissenen Körperteilen symbolisieren sowohl die Verletzung als auch die Wiedervereinigung von Getrenntem, oder wie sie es ausdrückt: „Der Faden bedeutet aber auch etwas Verbindendes, Reparierendes, was die Risse zusammenbringt und –hält. Die Risse im Lebenslauf bleiben sichtbar wie die Falten als Lebensspuren.“

Auf einigen der Bilder (ihrer Tochter) hat sie über deren Gesicht im Großformat ein Löwenantlitz genäht, ein Mischwesen geschaffen, ein Hinweis auf das Hybride, Archaische, das Tierische, das in uns steckt, und- etwa in Kriegen-jederzeit wieder ausbrechen kann.

Alles, was sie macht („Künstlerin ist für mich kein Beruf, es ist mein Leben“), hebt sich ab von den meisten Formen traditioneller Ästhetik, ganz zu schweigen von Werbeschönheit auf allen Gebieten.. Besonders mutig das durchgehende Bekenntnis zur Nacktheit, wohl uralt in der Kunst, aber noch immer umstritten. Eines ihrer Bilder wurde deswegen auf einer Ausstellung im Stadtschloß Fulda wieder abgehängt.

Annegret Soltaus Kunst, vor allem ihre künstlerischen Mittel, sind vielschichtig, entsprechend sind es die Schlussfolgerungen, die man daraus ziehen kann. Der Leib als Sinnbild der Lust –Essen, Trinken, Sexualität-  ist uns vertraut und wir delektieren uns daran.  Nichts davon in den Arbeiten von Annegret Soltau. Für sie ist die leibliche Existenz eine Bedrängnis, die schon mit den diffusen Ängsten der Schwangeren beginnt und dem schmerzhaften Zurweltkommen. Reifen und Entwicklung sieht sie als zwar produktiven, aber auch zerstörerischen Prozeß. Die Nacktheit, die uns in ihren Arbeiten anblickt, verstört, weckt Mitleid. Eine Leidensgeschichte des Leibes, die ihre feministischen Wurzeln nicht verleugnet. Verletzung, Schreck, Entsetzen, Schmerz, Ekel sind in ihren Bildern gegenwärtig. Das schockiert, ist aber auch Realität, dieses Zerschneiden des Körpers und seine Zusammensetzung aus Fragmenten, man denke nur an Schönheitschirurgie und Transplantationsmedizin. Unser Entsetzen beim Anblick solcher Bilder sollte sich nicht auf die Tabubrüche einer engagierten Künstlerin beziehen, sondern auf die gesellschaftliche Wirklichkeit des Umgangs mit dem menschlichen Körper. Das will uns Annegret Soltau zu verstehen geben. Dafür gibt sie sich selbst und ihre Familie in ihren Bildern preis.

Keine Ideologie führt ihre Hand. Sie konzentriert sich angesichts einer oft verlogenen rosaroten Bilderflut auf die Nachtseiten des Lebens. Daß das nicht das Ganze ist, dass natürlich auch Liebe und Schönheit das Leben bestimmen, wissen wir.

Auf den Ausstellungskatalog der Mathildenhöhe, der das tiefere Verständnis ihrer Kunst erst möglich macht, sei besonders hingewiesen.

Weidig-Gymnasium Galerie 511. Bis 8.Juni 2008. Sonntags 15-18 Uhr, während der Unterrichtspausen und nach Vereinbarung. Tel. 06033/91170. E-Mail: galerie511@ web.de

Hans-Joachim Müller

(c) Butzbacher Zeitung, 24.05.2008


Artikel der Wetzlarer Neuen Presse


 

 

 

 

 

 

 

 

 


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