Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Birgid Helmy stellt Skulpturen in der Galerie 511 der Weidigschule aus

BUTZBACH. Im leergeräumten Unterrichtsraum in der Galerie 511 des Weidig-Gymnasiums erwartet den Besucher ein lustig-aktives Völkchen. An der Wand und auf Stelen tummeln sich überwiegend Sportler, kleine Vollfiguren in einer für die jeweilige Sportart charakteristischen Bewegungspose. Eingefroren im Sprung die Skater, Eisschnellläufer, Turmspringerinnen, ein Boxer. Dazu sagt die Künstlerin: "Festgehalten ist ein kleiner Augenblick während eines Bewegungsablaufes. Die Arbeiten suchen die absolute Konzentration, die fokussierte Intensität, in die der Sportler versunken ist, nehmen sie auf, zeichnen sie nach. Der Moment, in dem die Form für einen Augenblick zum Ereignis wird." Der aus Kunststoff mit Marmormehl bestehende Boxer ist lebensgroß und verdankt seine Existenz einem Foto von Mohammed Ali, das die Künstlerin sah. Es sollte kein wirkliches Porträt werden, ihr ging es um die für einen Boxer typische Pose.


Birgid Helmy mit einer ihrer Skulpturen
Foto: Hans-Joachim Müller

Die vielen anderen Sportfiguren, 18 cm hoch, stehen auf Stelen, andere sind auf einer für die Sportart bezeichnenden Fläche an der Wand fixiert, oder auch ohne Hintergrund. Also Vollfigur an der Wand statt des sonst üblichen Relierfs.

All diese Figurenensembles würden nicht diese Aufmerksamkeit auf sich lenken, wären sie im tonfarbigen Material "geblieben". Aber sie sind bunt, grellfarbig, von Hand bemalt, trotz Serienauflage in dieser Beziehung ein Unikat. Auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig; scheinbar aus der provozierend farbigen Konsumwelt entstiegen. Wir kennen in der europäischen Kunst eher die materialfarbigen Skulpturen, also stein (marmor-), holz-, bronzefarbig. Die Forschung hat herausgefunden, dass viele dieser Kunstwerke ursprünglich bemalt waren. Vier Terrakotta-Figuren an der Rückwand sind naturbelassen, nicht absichtlich, sondern weil keine Zeit mehr zum Bemalen war. Zufällig sind es in sich ruhende Gestalten, keine Sportler in Action: zwei Froschköniginnen, ein Chewinggum aufblasendes Mädchen, eine Figur, "Nachmittag" genannt. Also ein eher zufälliger Kontrast: naturfarben versus Buntheit. Ein Hingucker sind die farbigen Skulpturen schon.

Birgid Helmy, die nach einem Studium der Sozialpädagogik und. einer kunsttherapeutischen Weiterbildung seit 1995 ein Studium der Bildhauerei an der Akademie für Bildende Kunst in Mainz absolviert hat, ist durch Zufall zur Plastik gekommen. Sie wollte für ihren verstorbenen ersten Mann den Grabstein selber gestalten, was mühevoll und nur mit fremder Hilfe möglich war. Diese erste Erfahrung mit dem Dreidimensionalen, mit dem Raum, hatte Folgen. Von da an standen Skulpturen im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Selten gehen Zeichnungen voraus.

Jean-Christophe Ammann, der frühere Direktor des Museums für moderne Kunst in Frankfurt, ist sich sicher, dass sie noch einen langen Weg vor sich hat, "jenen der Bildhauerin, die auf ihr plastisches Vermögen vertrauen kann." Aus diesem Munde ein gewichtiges Lob.

Was hier in Butzbach zu sehen ist, macht nur einen kleinen, aber typischen Teil ihres Werkes aus. Da gibt es noch 390 cm hohe jonglierende Stelzengänger, die langen Beine von farbigen Tüchern verdeckt, oder mit Stoffverhüllte lebensgroße Schattenfiguren, lebensgroße Skulpturen ihrer Töchter Laila und Marie-Jose (Polyester, Marmormehl, Glas), ferner ein Kommunionkind mit der großen Kerze, auf einer Bank sitzend, lebensgroß, eine lebensgroße Rattenfrau mit toten Ratten um sich herum, "Erfrierungen", lebensgroße Figuren, von einer Holzstele weitgehend verdeckt, mit ihr verschmolzen, Tiere, "vom Himmel gefallen", ein "Requiem für eine Katze", große Kerzen um einen altarähnlichen Stuhl mit der toten Katze drapiert; ein Mädchen in Unterwäsche auf einem Stuhl sitzend, hinter ihr ein Kruzifix, sie scheint über den Sinn von Religion zu grübeln; eine junge Frau in knappen Dessous, auf dem Boden sitzend, etwas entfernt von ihr ihr Baby, sie wirkt hilflos. Also ein weitgestreutes Spektrum.

Die Herstellung der Skulpturen ist harte Arbeit im Atelier, mit Schleifmaschine und Konstruktion der Gussformen, schließlich die Bemalung. Ein bisschen Glück gehört zum Weg eines Künstlers auch dazu. Ohne Sponsoren für ihr großes Atelier und für Silikon wäre vieles schwieriger. Und dann das (verdiente) Glück, für die Ausstattung der neuen Wiesbadener Staatskanzlei durch Ankäufe berücksichtigt zu werden. Das bei einer Angebotsausstellung von 900 Künstlern mit je drei Arbeiten!

Die Preise für die ausgestellten Arbeiten gelten unter Kunstmarktaspekten als moderat, für sich genommen sind sie aber doch eine große Barriere für den kleinen Geldbeutel (von 290 bis 750 und 9000 Euro).

Also wieder etwas ganz Neues, wie immer Sehenswertes bei der nun schon 12. Kunstausstellung der Galerie AG unter Leitung von Hubert Soltau und der Mitarbeit einiger kunstinteressierter Mädchen.

Bis 26.2., Do. 18.00 - 20.00 Uhr, So. 15:00 - 18:00 Uhr, vormittags während der Unterrichtspausen.

Hans-Joachim Müller

(c) by Butzbacher Zeitung, 11.02.2006

 

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