Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Nahtlos von einer Diktatur in die andere

 ZEITZEUGENGESPRÄCH - Dr. Klaus Riemer berichtet an der Weidigschule über Leben in NS-Zeit und DDR


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BUTZBACH. Geschichtslehrerin Andrea Schreiber-Guth an der Weidigschule (l.) und die Erste Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch (r.), die den Referenten vermittelt hatte, gemeinsam mit dem Zeitzeugen Dr. Ulrich Riemer aus Bad Nauheim. Foto: dreut

BUTZBACH (dt). „Sie haben in ihrem Leben vier Regierungssysteme miterlebt“, stellte Lehrerin Andrea Schreiber-Guth den 88-jährigen Referenten Dr. Klaus Riemer ihren 140 Schülern der Jahrgangsstufe 12 am Mittwochmorgen in der Mensa der Weidigschule vor. Der heute in Bad Nauheim lebende Senior wurde 1931 in der ausgehenden Weimarer Republik geboren, erlebte von 1933 bis 1945 den NS-Staat, litt danach bis 1953 – in Ostberlin wohnend – unter der DDR-Diktatur, ehe er in die Bundesrepublik floh, wo er heute lebt. Es war ein bewegtes Leben, von dem Riemer erzählte, das jetzt im Rahmen des Unterrichts der Weidigschule in eine über zweistündige, äußerst lebendige, manchmal sehr persönliche, spannende Geschichtsstunde mündete. Fast im „Plauderton“ und darum äußerst eindringlich, quasi „live“, erzählte der Referent aus privater Sicht – unterstützt von vielen Bildern und Fotos – deutsche Geschichte aus dem eigenen Blickwinkel und richtete ganz am Ende der Fragerunde einen deutlichen Appell an die Jugendlichen: „Wir haben in Europa Versöhnung, ein friedliches Europa, ich glaube an das Miteinander der Menschen in dieser Welt.“ Rasse, Hautfarbe, Religion, Herkunft seien unwichtig, es zähle ganz allein der Mensch. 1931 geboren ist Riemer in einer Arbeitergegend in Berlin, an der Strelitzer Straße, die in die legendäre Bernauer Straße mündet. Dort betrieben seine Eltern einen Tante-Emma-Laden. Mit sieben Jahren sei die Pogromnacht am 9. November 1938 für ihn „ein einschneidendes Schlüsselerlebnis“ gewesen. Immer seien in seiner Wohngegend Juden oder damals sogenannte „Zigeuner“ für ihn und seine Eltern normale Menschen gewesen, in denen man nur den Nachbarn, Freund oder Gesprächspartner gesehen habe, zumal seine Eltern keine überzeugten Nazis gewesen seien. Begriffe wie „Pöbel“, „Mob“ oder „Untermenschen“ habe er damals zum ersten Mal vernommen. Die Hauptstadt Berlin sei zwischen 1933 bis 1942 bereits eine „Multi-Kulti-Stadt“ gewesen. Er selbst sei – weil nicht aus einer Arbeiterfamilie stammend – privilegiert gewesen und habe so aufs elitäre Humboldt-Gymnasium wechseln können, dem man später nach der Nazi-Terminologie den Namen des Schlachtschiffes „Gneisenau“-Gymnasium gegeben habe. „Die Politik mischte sich nun bis ins kleine Privatleben ein“, berichtet Riemer, wobei er und seine Schulfreunde anfangs den am 1. September 1939 beginnenden Krieg und die Berichte darüber nur als ein „Abenteuer“ empfunden hätten. Bald aber seien dann auf Berlin britische Fliegerbomben gefallen. So seien drei Mietshäuser auf der anderen Straßenseite von einer Bombe zerstört worden, die Menschen seien tot gewesen. Riemer unterstrich: „Die Bomben treffen immer Unschuldige, die Schuldigen sitzen in einem sicheren Keller.“ Im Rahmen der Kinderlandverschickung sei seine Schule in einer Odyssee über Ahlbeck/Usedom, Zakopane/Polen, Böhmen und Mähren bis an den österreichischen Attersee nach Weissenbach verlegt worden. Während der Schulzeit habe es bereits eine vormilitärische Ausbildung gegeben, und mit 14 Jahren sei er dann zum Volkssturm eingezogen worden. Nach Hunger und grausamen Erlebnissen sei er bei den amerikanischen Besatzern als Küchenhelfer eingestellt worden, wo es genug zu essen gegeben hätte. Nach dem Krieg sei der Vater aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt, und die Familie habe in Ostberlin wieder zusammengefunden. Die Menschen in der sowjetisch-besetzten Zone hätten es bald so empfunden, dass sie von der Hitlerdiktatur nahtlos in eine kommunistische Diktatur geraten seien. Da es noch keine Absperrungen und noch keine Mauer zwischen Ost- und Westberlin gegeben habe, besuchte er – nach seinem Verweis von einem Ostberliner Gymnasium – eine Westberliner Schule und machte dort 1949 das Abitur. Zurück in Ostberlin habe man ihm den Beruf eines Grafikers bei der HO (DDR-„Handels-Organisation“) zugewiesen. Die politischen Schikanen in der DDR hätten sich zunehmend gehäuft, bis es zum Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gekommen sei. Danach sei die Familie schrittweise nach Westberlin übergesiedelt, wo man zunächst einen Flüchtlingsstatus hatte. Bei seinem aufgenommenen Studium an der FU (Freien Universität Berlin) sei er auch dem Studentenführer Rudi Dutschke begegnet.  In der Fragestunde unterstrich Riemer, dass während der Nazizeit von Staats wegen eine Ausgrenzung von Minderheiten verordnet worden sei, die aber in der Bevölkerung in seinem Stadtteil kaum Unterstützung gefunden habe. Er habe etwas aus der Vergangenheit gelernt und sehe darum optimistisch in die weitere politische Zukunft: „Eine Rückkehr zu einer Diktatur halte ich in unserem Lande für unmöglich.“

(c) by Butzbacher Zeitung, 31.01.2019

 

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