Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Thema Inklusion mal umgekehrt

SPORT    Blindenfußball-Projekt an der Weidigschule / Referendar Waschke vermittelt soziales Verhalten



BUTZBACH. Die Sportgruppe aus der Jahrgangsstufe 7 der Weidigschule nach ihrer dritten Doppelstunde zur Thematik „Blindenfußball".
Text + Fotos: dt


BUTZBACH. Die Schüler fühlen sich in ihren Übungen in ihre Rolle als "Sehbehinderte" ein, da sie eine Schlafmaske über den Augen tragen.

BUTZBACH (dt). "Voy, voy, voy" - "Hier, hier, hier", tönt es derzeit jeden Freitagmorgen in den ersten beiden Stunden aus der Sporthalle der Weidigschule. Was sich zunächst sehr seltsam anhört, entspringt einem innovativen, ungewöhnlichen, Aufsehen erregenden, spannenden Inklusionsprojekt "mal umgekehrt", dem sich ein Referendar im Rahmen des Sportunterrichts verschrieben hat.

Der intensiv auf sein zweites Staatsexamen hin arbeitende Torben Waschke unterrichtet eine Klasse aus der Jahrgangsstufe sieben im Fach Sport. Mit viel vermittelter Sensibilität geht es um nichts weniger als soziales Lernen für 13-jährige Schüler im Sportunterricht. Waschke ist derzeit Referendar für die Fächer Sport und Erdkunde am Weidiggymnasium und Promotionsstudent am Institut für Geographie der Universität Gießen, wo er im Fachbereich Anthropogeographie (Politische Geographie) an seiner Doktorarbeit zum Thema "Russlands Transformationsprozess" schreibt.

Das Thema des 30-Jährigen für die Examensarbeit im Fach Sport lautet "Blindenfußball: Inklusion mal umgekehrt - Projektorientierter Sportunterricht in der siebten Klasse". Grundlagen bildet das Blindenfußball-Projekt in acht durchgeplanten Doppelstunden, von denen am Freitag die dritte stattfand. In den zurückliegenden Stunden war es um Vertrauens- und Kommunikationsübungen gegangen, während derer die Schüler unter anderem einen Parcours durchlaufen mussten. Nun stand "Dribbeln und Passen" auf der Agenda. Die Schüler sollten dabei erfahren, wie wichtig Kommunikation ist und welche Bedürfnisse Menschen mit Sehbehinderung haben. Sie haben bereits Kenntnisse zur Inklusionsthematik und erfahren im gesamten Projekt, wie wichtig Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitiges Vertrauen sind und erweitern so ihr kummunikativen und empahthischen Kompetenzen.

Fach- und sachkundig unterstützt wird Waschke von dem blinden Marcel Heim, Trainer im Bereich Blindenfußball bei Teutonia Köppern und Nationalspieler, von Thorsten Picha, dem Inklusionsbeauftragten des hessischen Fußball-Verbandes und von Bruno Pasqualotto, dem Landestrainer Fußball-CP beim hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband. Die Mädchen und Jungen sind voll bei der Sache, denn Waschke wird am Ende der Stunde zwei Schüler als "Teamplayer der Woche" auszeichnen; dabei haben die Schüler dann auch ein Mitspracherecht.

Diese haben für den Unterricht Schwimmbrillen und Schlafmasken mitgebracht, um Blindheit zu simulieren. In Gruppen wird zunächst das Dribbeln mit möglichst enger Ballführung, später das Zuspielen/ Passen geübt, wobei ein "Schutzengel" (Guide) mit Anweisungen hilfreich lenkt. Die 13-Jährigen verständigen sich — je nach Situation — mit Zurufen wie "Voy, Voy, Voy" (span.: Ich komme/gehe) oder "Hier, Hier, Hier". Das Spielobjekt ist ein Futsalball, indessen Innerem Rasseln eingebaut sind, qm den Ball zu „hören". Nach jeder Übung in Gruppen treffen sich Schüler und Lehrer im Bankkreis, um das Geübte gemeinsam zu analysieren: Wo liegen Schwierigkeiten/Probleme? Wie sind sie zu beheben? Es hapert am Freitagmorgen anfangs bei der eminent wichtigen Kommunikation. Hier müssen deutlichere Signale gegeben werden. Das Vertrauen im Miteinander ist nicht überall erkennbar. Mit mehr Konzentration soll dem begegnet werden. Es ist zu laut, während der Ubungsphase. Ruhe und Langsamkeit fordert der Lehrer von den Schülern ein. Ein letztes Manko ist, dass bei der Ballübergabe immer wieder Ballverluste eintreten. Dies soll durch die Ballübergabe mit der Sohle und der V-Fußstellung („Pinguin-Stellung") des den Ball Annehmenden behoben werden.

Faszinierend für die zuschauenden Schüler ist zwischenzeitlich, wie der blinde Nationalspieler Heim mit einem Partner demonstriert, dass jedes Zuspiel von ihm über mehrere Meter beim Partner präzise ankommt. Das Zupassen wird in Gruppen geübt, wobei ein Partner ein "Sehender" und einer ein "Blinder" ist.

Wie sehen die Schüler das Projekt mit ihrem Sportlehrer? "Am Anfang, glaube ich, war das erstmal recht chaotisch. Wir Jungen wollten im Sportunterricht eigentlich lieber was anderes. Doch dann haben wir Fortschritte gemacht. Auch haben in diesem Projekt Mädchen und Jungen die gleichen Chancen bei der Beurteilung mit Noten", meint der 13-jährige Ben Metzger. Maschke: "Um die Teamkompetenz unter der Leitidee sozialer Interaktion und Körperwahrnehmung — taktile, vestibuläre, kinästhetische und auditive Wahrnehmung — tiefgründig zu erleben und reflektierend zu erfahren, bietet die Einheit ein überdurchschnittliches Potenzial. Blindenfußball bietet die Möglichkeit, neue Bewegungserfahrungen zur Förderung der Bewegungskompetenz zu eröffnen."

(c) by Butzbacher Zeitung, 14.03.2017

 

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