Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Gegen Verurteilung und Ausgrenzung

GESCHICHTE     Butzbacher Künstlerin Dina Kunze berichtet über ihre jüdische Familie in der Weidigschule



BUTZBACH. Die Butzbacher Künstlerin Dina Kunze besuchte den Geschichts-Leistungskurs von Katja Kächler an der Weidigschule.

BUTZBACH (pe). Die Butzbacher Künstlerin Dina Kunze besuchte den Leistungskurs Geschichte der Jahrgangsstufe zwölf der Weidigschule von Katja Kächler. Sie möchte mit ihrer Arbeit an das Grauen der Nazidiktatur erinnern und besonders jungen Menschen lehren, dass Geschichte immer lebendig ist und auch bleiben wird. Ihre Eltern haben Hitlerdeutschland am eigenen Leibe spüren müssen. Sie überlebten mehrere Konzentrationslager, darunter zuletzt Auschwitz. 1946 geboren, wuchs Dina Kunze also als Kind des Friedens und der Hoffnung auf. Umso wichtiger ist ihr, von der Geschichte ihrer Eltern zu erzählen. Bei ihrem Besuch begann sie aber nicht mit ihren eigenen Erfahrungen. Stattdessen wollte sie die Schüler selbst erfahren lassen, wie sich Ausgrenzung anfühlt und wie leicht sie passiert. Dazu band sie jedem ein unterschiedlich farbiges Band um das Handgelenk. Danach sollte man die jeweilige Gruppe und das gemeinsame Merkmal finden. Ob es die Augen- oder Haarfarbe, die Kleidung oder die Brille war, es handelte sich schlicht und einfach um Außerlichkeiten. In einem anschließenden Gespräch wurde deutlich, dass diese Grenzen also oft rein willkürlich auf Kosten einer Minderheit gezogen werden. Dies war auch zur Zeit der Nazis der Fall: Sich-Stark machen durch Abgrenzung. Andersartigkeit wurde verfolgt.

Zur weiteren Verdeutlichung forderte Dina Kunze die Schüler dazu auf, kursierende Vorurteile über benachteiligte Gruppierungen aufzuschreiben. Darunter waren zum Beispiel Muslime, Juden und Migranten. Die beschrifteten Zettel wurden sinnbildlich in die jeweilige Schublade eines kleinen Schränkchens gesteckt. Erstaunlich für die Referentin war, dass auch über Radfahrer Vorurteile entstanden, obwohl sie diese Gruppe rein willkürlich ausgewählt hatte. Als Ergebnis wurde festgestellt, dass oft ähnliche Vorurteile existierten, obwohl man sie vielleicht nur gehört hat und sie nicht der eigenen Meinung entsprachen.

Der zweite Teil ihres Besuches war von Kunzeg eigener Geschichte geprägt. Zunächst berichtete sie von ihren Eltern. Ihr Vater war Rechtsanwalt und in der jüdischen Gemeinde für die Listen der Juden, die deportiert werden sollten, verantwortlich. Er konnte so enge Familienangehörige retten. Zu dieser Zeit lebte er mit seiner Frau, die ursprünglich aus Berlin stammte, in Prag. Doch auch sie wurden schließlich deportiert.

Nach der Befreiung und dem Endes des Krieges beschlossen ihre Eltern 1949, nach Israel auszuwandern. Dort gestaltete sich Dina Kunzes Kindheit und ihre Zeit in der Armee. Ihre Eltern trennten sich später, deshalb kam sie als Jugendliche wieder zurück zu ihrer Mutter nach Deutschland. Schließlich begann sie in Frankfurt, Kunst zu studieren. In diesem Zuge hat sie zahlreiche Kunstwerke und Denkmäler entworfen und realisiert, die sie den Schülern auf Bildern zeigte.

Besonders ist, dass Kunze bei all ihren Vorträgen und Treffen mit Schülern stets eines ihrer Kunstwerke mitbringt: diesmal ihre eigenen in Bronze gegossenen Füße. Das Metallgießen lernte sie während ihres Studiums. Sie möchte daran erinnern, dass ihrer Mutter, als sie im Konzenträtionslager war, die Füße abfroren. Beide Elternteile erlitten langfristige Gesundheitsschäden. Das Kunstwerk war ebenfalls Teil einer Installation, die sie zur Erinnerung an die deportierten und ermordeten Juden schuf.

Kunzes Besuch ließ die Schüler das Vergangene mit heutigen Problemen und Szenarien vergleichen. Man dürfe dabei nie vergessen, dass sich auch unsere Tagespolitik oft mit Verurteilung und Ausgrenzung beschäftigt.

(c) by Butzbacher Zeitung, 07.01.2017

 

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