Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Domino-Effekt durch "Brexit"?

VORTRAG Politologe Ingo Espenschied anlässlich des Europatages im Butzbacher Bürgerhaus



BUTZBACH. Christine Borchers-Fanslau vom Städtepartnerschaftsverein begrüßte Ingo Espenschied im Bürgerhaus.    


BUTZBACH. 330 Schrenzer-, Stadt- und Weidigschüler kamen zum Europa-Vortrag. 

BUTZBACH (thg). Fast schon traditionell ist Ingo Espenschied anlässlich des Europatages zu Gast in Butzbach, um Schülern in einer Multi-
mediaschau die Geschichte und die aktuelle Situation Europas zu erklären. Gestern sprach der Politologe und Journalist im Butzbacher Bürgerhaus vor rund 330 Schülern von Schrenzer-, Stadt- und Weidigschule und einigen Interessierten. Eingeladen hatten die Stadt Butzbach und der Städtepartnerschaftsverein. Die Volksbank Butzbach und das Bundesprogramm Demokratie leben unterstützten die Veranstaltung ebenfalls, so dass der Eintritt frei war. Schirmherr war Bürgermeister Michael Merle.
Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer Rede die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vor, deren Mitglieder ihre Kohle- und Stahlproduktion zusammenlegen sollten. Daher wird jährlich am 9. Mai der Europatag begangen. Auf diese Anfänge und die vorherige feindselige Vergangenheit von Deutschen und Franzosen blickte Espenschied ebenso zurak wie auf die weitere Institutionalisierung Europas.
Einen Punkt unterstrich der Referent besonders. Der Kontinent sei in große Kriege hineingetrieben worden, wenn Staaten national handelten und glaubten, sie könnten so besser leben. Deutschland sei nur dann erfolgreich, wenn auch die Europäische Union erfolgreich sei, äußerte er seine Überzeugung.
Eine Schülerfrage beschäftigte sich mit dem drohenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. "Momentan stehen die Zeichen auf Austritt", so Espenschied. Dieser Schritt würde zwar voraussichtlich den Briten größere Nachteile bringen als der EU. Dies wäre aber ein negatives Zeichen und könnte zu einem Domino-Effekt führen, dass andere Staaten* folgen. Sie könnten etwa ebenfalls mit Austritt drohen, wenn Forderungen von der EU nicht erfüllt würden.
Nach dem Wachstum des Staatenbundes und einem eventuellen Beitritt der Türkei wurde Espenschied ebenfalls gefragt. Das Land sei wohl ein Extremfall, über den diskutiert werde, Voraussetzung für die Aufnahme eines Staates seien wirtschaftliche, politische und demokratische Standards. Die Frage sei auch, ob es "Sinn machen" würde, die Türkei aufzunehmen. "Das wäre für beide Seiten nicht der beste Weg", so Espenschied, der hinzufügte, dass er die Türkei gut kenne und auch sehr möge. "Die Türkei wäre erfolgreicher, wenn sie ihre Trümpfe als Regionalmacht ausspielen würde", sagt er.
Auf die Frage, warum die europäische Einigung nicht in den Köpfen der Bevölkerung ankomme, bemängelte Espenschie,d, dass es keine europäische Öffentlichkeit gebe. Europa scheine so weit entfernt, weil nicht tagtäglich darüber berichtet werden. Es würden vielmehr nationale Debatten über Europa geführt als europäische Debatten, in denen beispielsweise Briten und Deutsche im Fernsehen teilnähmen. "Wir brauchen eine europäische Öffentlichkeit."
Zu einer Versachlichung riet der Politologe beim Thema Freihandelsabkommen TTIP. Aus Gesprächen wisse er, dass sich die Entscheidungsträger im Europäischen Parlament nicht so schlecht informiert fühlten wie es scheint. Er wies darauf hin, dass es bei dem Abkommen darum gehe, weltweit Standards setzen zu können. Der von China dominierte Freihandelsraum umfasse 1,9 Milliarden Menschen. Es könnte dazu kommen, dass dann chinesische Normen und Standards bestimmten, wie in Europa produziert wird. Es gehe also um große strategische Fragen. "Diese kommen manchmal zu kurz in der Diskussion."
Auf seine Frage an Schüler, ob sie sich vorstellen könnten, dass es in Europa wieder zu einem Krieg kommen könnte, sagten sie, dass dies nicht passieren könne, solange die Staaten zusammenhielten. Wenn dies nicht der Fall sei, könnten jede Menge Gefahren auf Europa zukommen.
Christine Borchers-Fanslau, Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins, erinnerte daran, dass US-Präsident Barack Obama es jüngst in Hannover als eine riesige Leistung der Geschichte bezeichnet habe, dass die EU 28 Nationen vereine. "Ihr Schüler seid diejenigen, die diesen guten Willen weitertragen", sagte sie und appellierte an sie: "Lasst Euch nicht dumm reden von Manchem, was man so hört."

Text + Fotos: thg

 

(c) by Butzbacher Zeitung, 04.05.2016

 

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